Mai
Maria und Josef im Mai
Der Monat Mai liegt vor uns wie ein offenes Fenster: Licht, Wachstum, neues Leben. Die Natur zeigt uns, dass etwas aufblüht, das lange im Verborgenen gereift ist. Und genau hier berührt uns dieser Monat auch im Glauben.
Am Anfang steht Josef, der Arbeiter. Kein großer Redner, kein Mensch der Bühne. Ein Handwerker, ein stiller Mensch, der einfach tut, was getan werden muss. Und doch ist sein Leben von großer Bedeutung. Er zeigt uns: Gott wirkt oft nicht im Lauten, sondern im Treuen, im Alltäglichen, im Verlässlichen.
Wenn wir auf unser eigenes Leben schauen, dann ist vieles wie bei Josef: Arbeit, Verpflichtungen, Routinen. Oft erscheint uns das unscheinbar, manchmal sogar mühsam. Aber gerade dort – in der Geduld, in der Verantwortung, in der Sorgfalt – kann etwas Heiliges wachsen. Die Frage ist: Sehen wir in unserem Tun nur Last – oder auch Berufung?
Und dann begleitet uns durch den ganzen Mai Maria. Sie steht für das andere: für das Hören, das Vertrauen, das offene Herz. Ihr „Ja“ ist kein einmaliges Wort, sondern eine Haltung. Ein Leben lang bleibt sie offen für Gottes Wirken, auch dann, wenn sie nicht alles versteht.
Vielleicht kennen wir das: Situationen, die wir nicht einordnen können, Wege, die uns unsicher machen. Maria lädt uns ein, nicht alles kontrollieren zu wollen, sondern Vertrauen zu wagen. Nicht blind – aber mit einem Herzen, das sich führen lässt.
So stehen im Mai zwei Gestalten nebeneinander:
Josef – der tut.
Maria – die empfängt.
Und vielleicht ist genau das die Botschaft für uns: Unser Leben braucht beides.
Wir sind gerufen zu handeln – und zugleich zu vertrauen.
Wir sollen gestalten – und zugleich loslassen können.
Wir arbeiten – und wir glauben.
Gerade in unserer Zeit, die oft von Leistung und Tempo geprägt ist, erinnert uns Josef daran, dass Arbeit Würde hat – aber nicht alles ist. Und Maria erinnert uns daran, dass der Mensch mehr ist als das, was er leistet.
Der Mai lädt uns ein, neu auf unser Leben zu schauen:
Wo bin ich zu sehr im Tun gefangen?
Wo fehlt mir das Vertrauen?
Wo darf ich wachsen – langsam, wie die Natur draußen?
Denn Gott begegnet uns nicht nur in außergewöhnlichen Momenten, sondern mitten im Alltag.
Im Geräusch der Arbeit.
In der Stille des Herzens.
Im Vertrauen, das wir wagen.
So wird der Mai zu mehr als nur einem schönen Monat.
Er wird zu einer Einladung: unser Leben neu zu verbinden – mit Sinn, mit Vertrauen, mit Gott.
Pater Evodius Miku
April
„Seht, der Stein ist weggerückt“
Seht der Stein ist weggerückt
nicht mehr wo er war
nichts ist mehr am alten Platz
nichts ist wo es war.
Seht das Grab ist nicht mehr Grab
tot ist nicht mehr tot
Ende ist nicht Ende mehr
nichts ist wie es war.
Seht der Herr erstand vom Tod
sucht ihn nicht mehr hier
geht mit ihm in alle Welt
er geht euch voraus.
Lothar Zenetti (1926−2019) - auch Gotteslob Lied Nr. 800
„Seht, der Stein ist weggerückt, nicht mehr, wo er war, nichts ist mehr am alten Platz, nichts mehr, wo es war.“ Das ist der Text eines Osterliedes von dem Frankfurter Pfarrer Lothar Zenetti. (…) Christinnen und Christen feiern weltweit die Auferstehung Jesu. Nur die orthodoxen Kirchen feiern es eine Woche später. Die Bibel erzählt, dass Frauen im Dunkel vor dem Morgengrauen entdeckt haben: Der Stein am Eingang des Grabes Jesu war weggewälzt. Das Grab war leer. Angst und Schrecken war ihre erste Reaktion. Das war der Anfang von Ostern: Der Stein war weggerückt, nicht mehr, wo er war, nichts war mehr am alten Platz, nichts mehr, wo es war.
Menschen die bereit sind, sich dafür zu öffnen
Der Pfarrer Lothar Zenetti war Seelsorger und Dichter, und er war mitten dabei, als die Aufbruchsstimmung der 68er in Frankfurt und anderen Orten die Kirche ergriffen hat. 1971 hat er diesen Ostertext geschrieben, 2019 ist er gestorben. Mit vielen anderen hat er sich eine Kirche erhofft, die aufbricht. Etwas von diesem Geist wünsche ich mir auch heute in unseren Kirchen wieder: Dazu braucht es Menschen, die nicht einfach fraglos alles so hinnehmen, wie es schon immer war und bereit sind sich dafür zu öffnen, dass Dinge nicht mehr an ihrem Platz sind.
Auferstehung bedeutet: Sehen lernen!
„Seht, das Grab ist nicht mehr Grab, tot ist nicht mehr tot, Ende ist nicht Ende mehr,“ so heißt es in der zweiten Strophe von Lothar Zenettis Ostertext. Aber das neue Leben lässt sich nicht einfach mit einem Fingerschnips herbeikommandieren. Menschen, die vor einem Grab gestanden haben, wissen das. Tod und Trauer brauchen ihre Zeit. Eine Krankheit braucht Zeit, bis sie überwunden ist. Verknotete Beziehungen, Konflikte, Kriege sind nicht mit einem Mal vorbei. So braucht auch Gottes neues Leben Zeit, um zu wachsen, vielleicht nicht für Gott, aber für uns Menschen. Das wichtigste Wort in Lothar Zenettis Text ist deshalb „seht“. „Seht, der Stein ist weggerückt!“ … „seht, das Grab ist nicht mehr Grab!“ Auferstehung bedeutet: Sehen lernen! Die Zeichen von Gottes neuem Leben zu entdecken, den Frühling in der Knospe, das erste Lächeln unter den Tränen der Trauer.
Der Stein von ihrem Herzen brauchte länger
Auch die Frauen am leeren Grab Jesu mussten sehen lernen. Im ersten Morgenlicht haben sie gesehen, dass der Stein weggerückt war. Der Stein von ihrem Herzen brauchte länger, um zu Boden zu fallen. Wenn nichts mehr am alten Platz ist, braucht man erst eine Zeit, bis man sich wieder zurechtfindet. Die Frauen mussten zuerst sehen und konnten nur langsam begreifen, dass der weggewälzte Stein Jesus den Weg aus dem Grab freigemacht hat.
"Ende ist nicht mehr Ende"
„Seht, der Herr erstand vom Tod, sucht ihn nicht mehr hier, geht mit ihm in alle Welt, er geht euch voraus.“ So heißt es in der letzten Strophe von Lothar Zenetti. Das sind die Worte des Engels, die die Frauen im leeren Grab gehört haben. Gottes Leben macht den Weg aus dem Grab frei hinein in alle Welt. Mit den Frauen kann ich mich auf den Weg machen, der aus dem Grab herausführt. Vielleicht muss ich diesen Weg auch erst vorsichtig ertasten. In der Welt der Auferstehung ist eben nicht mehr alles an seinem alten und vertrauten Platz: „Tot ist nicht mehr Tot, Ende ist nicht Ende mehr“. Wahrscheinlich fehlt mir wie den Frauen am Ostermorgen zuerst die Orientierung. Aber der Weg ist frei. In aller Welt kann ich nach Gott und seinem Leben suchen.
(aus: Dr. Ansgar Wucherpfennig, Kassel - in HR 2 Zuspruch vom 08.04.2023)
Hubertus Ilg, Pastoraler Mitarbeiter SE Zwiefalter Alb
März
Fastenzeit – oder wie ich über meinen Schatten springe
Jedes Kind hat das schon mal probiert, über den eigenen Schatten zu springen, und feststellen müssen, dass das nicht geht. Oder geht es doch?
In der Bibel im Psalm 18 steht das Wort: »Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen«.
Doch das Bibelwort meint nicht in erster Linie Mauern aus Stein, über die Gott mit mir springt, sondern die Mauern in unseren Köpfen und Herzen. Die Mauern der Angst, der Unsicherheit, des Egoismus, der Enttäuschung, der Wut. Es meint die Mauern, die mich von anderen und von Gott trennen und mich selbst von einem besseren Leben.
Statt Mauern könnten wir genauso gut von Schatten reden, die das eigene Lebensglück und das der anderen manchmal verdüstern. Ich habe solche Schatten leider schon als ganz schön mächtig erlebt. Ich fühlte mich ihnen gegenüber ganz schön als ohnmächtig, weil ich sie trotz allem Bemühen einfach nicht so leicht los werden konnte. Kennen Sie das auch?
Manchmal sind solche Schatten mächtiger als man selbst.
Aber nicht mächtiger als Gott. Und deshalb können wir auch so sagen: »Mit meinem Gott kann ich über meinen Schatten springen
Der Text eines Liedes von Olaf Tenn erzählt mit diesen Worten davon:
1) Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen,
Berge versetzen und verrückte Lieder singen.
Mit meinem Gott kann ich übers Wasser laufen,
oder durch die Fluten gehen, ohne zu ersaufen.
2) Mit meinem Gott kann ich wie mit Freunden sprechen,
Menschen begeistern und die stärksten Ketten brechen.
Mit meinem Gott kann ich durch die Wüste reisen,
mit fünf Broten und zwei Fischen viele Menschen speisen.
3) Mit meinem Gott kann ich weinen und auch lachen,
Stille erfahren und verrückte Sachen machen.
Mit meinem Gott kann ich neu zu leben wagen,
anderen zur Seite stehen, ihre Lasten tragen.
4) Mit meinem Gott kann ich auf Gewalt verzichten,
Waffen umschmieden, sie am besten gleich vernichten.
Mit meinem Gott kann ich auch dem Frieden trauen
und mit Menschen guten Willens an der Zukunft bauen.
Ich wünsche ihnen eine gesegnete Fastenzeit mit vielen guten Erfahrungen!
Ihre Patricia Engling Gemeindereferentin
Februar
Freude verleiht Flügel!
Gerade in den närrischen Fasnetstagen erleben wir die ausgelassene Freude. Aber woher kommt diese Freude, die als Markenzeichen der Christen gilt. Sie kommt im Vorausblick auf Ostern dem wir in wenigen Wochen wieder entgegengehen.
„Der Herr ist auferstanden, wie er gesagt hat. Freut euch und frohlocket, denn er herrscht in Ewigkeit. Halleluja“ – so lautet der Eröffnungsvers am Ostermontag. Die Osterfreude ist das prägende Grundmerkmal der Christengemeinde schlechthin, die Freude am Sieg des Lebens über den Tod war schließlich Auslöser für die Geburt der Kirche. Demgegenüber bemängelt der verstorbene Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Die Freude am Evangelium“: „Es gibt Christen, deren Lebensart wie eine Fastenzeit ohne Ostern erscheint“ (EG 6), oder bei anderer Gelegenheit sagte er: „Manche Gläubige kommen daher wie eine in Essig eingelegte Peperoni. Christen müssen jedoch Männer und Frauen der Freude sein. Christliche Freude ist ein Geschenk Gottes“ (Predigt in Sankt Marta, 10. Mai 2013).
Um was geht es? Sicher nicht um eine oberflächliche, schnell verfliegende Freude. Auch nicht um eine Durchhalteparole, wie das „keep smiling“. Wenn wir in unsere Welt hineinschauen, dann kann uns das Lachen bisweilen gehörig vergehen. Es geht letztlich um eine innere, tief empfundene Freude, ja, um das Bewusstsein, dass wir alle erlöst sind, trotz aller Widerwärtigkeiten des Lebens. Diese innere Freude kann die äußere Freude stimulieren und umgekehrt. Daher war im Mittelalter das „Ostergelächter“ ein frommer Brauch. Der Pfarrer brachte durch einen humoristischen Beitrag die versammelte Gemeinde zum Lachen. Freude, Lachen auf Kommando, das geht nicht. Vielmehr ist die Freude eine christliche Grundhaltung, genährt aus dem tiefen Glauben an die Auferstehung, um die wir uns immer neu bemühen müssen. Ostern ist eine neue Einladung dazu und das zentrale Fest, das das ganze Kirchenjahr durchwirkt!
Noch einmal Papst Franziskus: „Unsere Freude entspringt nicht aus dem Besitzen vieler Dinge, sondern daraus, einer Person begegnet zu sein: Jesus, der unsere Mitte ist. Sie entspringt aus dem Wissen, dass wir niemals einsam sind, auch nicht in den schwierigsten Momenten unseres Lebens“ (Predigt am Palmsonntag 2013). – Also: Mut zur Freude!
Pfarrer Sigmund F.J. Schänzle
Januar
Der Januar ist nach dem römischen Gott Janus benannt, der mit zwei Gesichtern dargestellt wird. Er steht für Anfang und Ende, Ein- und Ausgänge, der Türen und Tore. So wie der Monat.
Der kälteste Monat des Jahres ist von Frost, Schnee und Raureif geprägt. Die Tage sind oft noch dunkel, die Nächte lang, die Welt wirkt stiller. Doch genau diese Stille kann ein Raum sein.
Im Januar beginnt das neue Jahr mit stillen Tagen und frischer Klarheit. In der Natur gibt es neben Winterspuren von Tieren auch erste Spuren von Frühblühern wie Schneeglöckchen und Schneerosen.
Im Januar beginne auch ich ein neues Kapitel. Es ist eine Zeit der Hoffnung, in der kleine Schritte größer werden können, als große Versprechungen und Vorstellungen. So wie die Natur nach dem Monat Dezember wieder zu neuem Leben erwacht, lädt uns auch der Jahreswechsel ein, innezuhalten, zu sammeln und neu auszurichten.
Gib dir selbst die Erlaubnis, langsam anzufangen. Frag dich jeden Tag: Was ist heute wirklich wichtig? Welcher Wert leitet mich heute? Vielleicht ist es Geduld, Verantwortung, Liebe und Hoffnung, Güte oder Demut. Wenn wir diese Werte bewusst auswählen, verwandeln sich Gewohnheiten in innere Haltungen.
Gott segnet oft leise: Nicht mit lauten Worten, sondern mit Ruhe in unserem Herzen, mit einem Moment der Erkenntnis, mit der Kraft eines erneuten Ja zu dem, was gut und gerecht ist. Ich muss genau hinhören. Wer sich Zeit nimmt für kleine, treue und geduldige Schritte, steht am Ende des Monats mit einem größeren Horizont da als zuvor. Für mich öffnen sich dann sozusagen Tor und Tür.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins neue Jahr!
Dominik Graf, Gemeindeassistent
Dezember
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“
(GL 218)
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“ – diese Zeilen sind bis heute ein fester Bestandteil des Advents. Vor mittlerweile über 400 Jahren, mitten im 30-jährigen Krieg, schrieb der Theologe und Musiker Georg Weißel (1590–1635) in Königsberg, der damaligen Hauptstadt Ostpreußens, ein Lied, das bis heute Hoffnung und Trost spendet.
Die Zeit, in der Weißel lebte, war geprägt von Gewalt, Armut und Unsicherheit. Der 30-jährige Krieg (1618–1648) verwüstete Europa, und auch Königsberg blieb nicht verschont. Die Menschen litten unter Hunger, Krankheiten und der ständigen Bedrohung. Der Krieg stand vor der Tür, an Frieden und Ruhe nicht zu denken.
Doch auch in dieser Zeit wurde es Advent!
Die Legende erzählt: An einem kalten Wintertag fegte ein heftiger Nordoststurm über Königsberg. Schnee peitschte durch die Straßen, und die Menschen suchten Schutz im Dom. Der Küster öffnete die Tür mit den Worten:
„Willkommen im Hause des Herrn! Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen, ob Patrizier oder Tagelöhner! Sollen wir nicht hinausgehen auf die Strassen, an die Zäune und alle hereinholen, die kommen wollen? Das Tor des Königs aller Könige steht jedem offen.“
Weissel bedankte sich bei seinem Küster: „Er hat mir eben eine ausgezeichnete Predigt gehalten!“ Und er machte daraus am selben Abend das bekannte Weihnachtslied.
Doch nicht alle Türen standen offen. Neben der Kirche lebte der reiche Kaufmann Sturgis. Aus Angst vor den unruhigen Zeiten hatte er sein Grundstück mit Toren abgesichert – und damit den direkten Weg zum Armen- und Siechenheim versperrt. Die Bewohner, ohnehin schon am Rande der Gesellschaft, waren nun auch noch vom Gemeindeleben abgeschnitten.
Am vierten Advent stand Weißel mit einem Chor vor Sturgis’ Haus. Viele Arme und Gebrechliche hatten sich ihnen angeschlossen.
Weißel hielt eine kurze Predigt und erinnerte daran, dass viele Menschen dem „König aller Könige“ die Tore ihres Herzens verschlossen hielten. Dann sang der Chor: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“Sturgis war tief bewegt. Noch während des Liedes holte er den Schlüssel und öffnete das Tor – für immer. Der Weg zur Kirche wurde fortan „Adventsweg“ genannt.
Seit mir vor einigen Jahren diese Entstehungsgeschichte von „Macht hoch die Tür“ zum ersten Mal begegnet ist, hat dieses Lied noch einen tieferen Sinn für mich bekommen.
Der Advent ist die Zeit des Wartens, der Advent ist die Zeit der Hoffnung, der Advent ist die Zeit um verschlossene Türen zu öffnen, sich zu versöhnung und dankbar zu sein für das, was uns geschenkt ist: Leben!
Ihnen allen eine gesegnete Adventszeit voller offener Tore!
Maria Grüner, Pastoralreferentin
November
Loslassen lernen – wie die Bäume ihre Blätter
Der November ist eine besondere Zeit im Jahreslauf. Die Natur zieht sich zurück, die Tage werden kürzer, kälter, dunkler. Die Bäume verlieren ihre Blätter – scheinbar ein Bild des Verlusts, des Abschieds. Und doch ist genau darin eine tiefe Weisheit verborgen.
Die Bäume halten ihre Blätter nicht krampfhaft fest. Sie lassen sie los. Nicht, weil sie es müssen, sondern weil es dran ist. Weil es zum natürlichen Rhythmus des Lebens gehört. Das Loslassen bereitet den Boden für Neues – auch wenn dieser Neuanfang noch fern scheint. Ohne das Abwerfen der alten Blätter gäbe es kein neues Wachstum im Frühling.
Wie oft halten wir Menschen fest – an Dingen, Menschen, Gewohnheiten, die uns längst nicht mehr guttun? Aus Angst vor Veränderung, aus Unsicherheit, aus dem Wunsch, Kontrolle zu behalten. Doch wie die Blätter im Herbst, gibt es auch in unserem Leben Zeiten, in denen das Loslassen ein Akt des Vertrauens ist – ein Ja zum Wandel.
Jesus selbst hat uns das vorgemacht. Immer wieder hat er losgelassen: Heimat, Sicherheit, Ansehen. Und schließlich sogar sein Leben – im Vertrauen auf den Vater und die Auferstehung. Auch wir sind eingeladen, zu vertrauen: dass hinter dem Loslassen ein größerer Sinn liegt, auch wenn wir ihn noch nicht sehen.
Der November mit seinen stillen Tagen – wie Allerheiligen oder Totensonntag – fordert uns auf, ehrlich auf das zu schauen, was wir loslassen müssen. Vielleicht ist es Trauer, vielleicht eine Schuld, vielleicht eine Sorge. Vielleicht auch ein Lebensentwurf, der nicht mehr trägt. Das Loslassen ist kein Versagen. Es ist ein geistlicher Weg.
Ein Baum, der seine Blätter verliert, sieht für eine Zeit kahl und leer aus. Doch innerlich sammelt er Kraft. So können auch wir diese Zeit nutzen, um still zu werden, um Kraft zu schöpfen, um Gott Raum zu geben in unserem Inneren.
Möge Gott uns helfen, loszulassen – mit Vertrauen, wie die Bäume ihre Blätter. Denn im Loslassen liegt die Hoffnung auf neues Leben.
Pater Evodius Miku
Oktober
Weltmission:
Weitergeben und empfangen
Im Oktober begehen wir den Sonntag der Weltmission. - Weltmission? Kein einfacher Begriff.
Worum es geht: was uns geschenkt ist, nicht einfach nur für uns zu behalten, sondern weiterzugeben und zu teilen. Nicht nur materielle Dinge, sondern auch die Hoffnung, das Vertrauen und die Zusage des Lebens, wie sie uns mit der Botschaft des Evangeliums geschenkt sind.
Teilen aber kann nie Einbahnstraße sein. „Mission“, unser Auftrag, heißt immer auch, sich beschenken zu lassen, Andersdenkende und uns fremde Kulturen zu achten, von ihnen zu lernen. Vor allem von den Armen dieser Welt!
Schließlich sagt „Weltmission“, dass es nicht um ferne Lande geht. Wir selbst sind Missionsland, wie P. Alfred Delp schon 1941 gesagt hat: „die deutschen Lande, ein kirchliches Missionsland. Dürftig, dürr und einsam.“
So wird zur zentralen Frage, wie unser aller Beitrag heute aussieht, damit die befreiende Botschaft von der heilenden Gegenwart Gottes, wie sie in Jesus von Nazareth sichtbar und lebendig geworden ist, präsent bleibt in der Zerrissenheit unserer Welt mit all dem Entwürdigenden, was Millionen von Menschen erleben!
Wo uns selbst die frohe Botschaft Jesu gepackt hat und wir dankbar daraus leben, dort wird die Kraft wachsen, die uns in ihrem Sinne leben und mit anderen kämpfen lässt für Gerechtigkeit und Frieden, für die Würde und ein von gegenseitiger Achtung getragenes Zusammenleben der Menschen – für das Reich Gottes also, für das Jesus lebte und starb, um mit seiner Auferstehung zu zeigen, dass darin die Zukunft der Welt liegt.
(Quellenangabe: Bernd Franke SJ, in: Johannes Stoffers (Hg.), Leben im Rhythmus des Kirchenjahres. Verstehen, was wir feiern, © Echter Verlag, Würzburg 2014, S. 94-95.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.)
Hubertus Ilg, Pastoraler Mitarbeiter SE Zwiefalter Alb
September
Wenn der Muezzin ruft, ...
...dann sind wir beim Besuch eines islamisch geprägten Landes beeindruckt, wie das öffentliche Leben für einige Augenblicke innehält, die Radios in den Bars und Straßencafés leise gestellt werden, die Gespräche für Momente verstummen – nur die Touristen plappern munter weiter... Der Muezzin ruft: „Gott ist groß; es gibt keinen Gott außer Gott; ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott; ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Gottes ist.“ Der Zyklus der Gebetszeiten schenkt dem gläubigen Mohammedaner Momente, die ihn immer wieder aus dem gewohnten Fluss von Zeit und Raum herauskatapultiert und erlaubt, Gott für eine kurze Zeit lang näher zu kommen.
Wenn das Angelusglöckchen läutet....
besonders in katholisch geprägten Gebieten: morgens, zu Beginn des Tages, mittags um zwölf Uhr und abends, zum Tagesabschluss, dann nehmen das nur noch wenige bewusst wahr, oder es wird sogar als lästige, akustische Zeitanzeige empfunden. Die Angelusglocke lädt ebenfalls zum Gebet ein; in der Regel ist das der „Engel des Herrn“, der das Geheimnis der Menschwerdung Gottes betend bedenkt. Schade eigentlich! Das Angelusglöckchen ist ebenfalls eine Einladung, im Getriebe des Tages für ein paar Augenblicke innezuhalten, und seine Gedanken auf Gott hin auszurichten – aber die Geschäftigkeit geht unterdessen unbeeindruckt weiter.
Ora et labora...
„bete und arbeite“ – das Grundprinzip der Benediktsregel, die gegenseitige Durchdringung von Gebet und Arbeit, in dem Maße, dass selbst die Arbeit zum „Gottesdienst“ werden kann, zur größeren Ehre Gottes verrichtet wird - das ist die Weisheit des Maßes, die Benedikt seinen Mönchen anheim stellt. Wir wissen, wie gut es uns tut, vor allem jetzt in den Ferien, für ein paar Tage und Wochen auszuspannen; „Tapetenwechsel“ eröffnet uns neue Räume und Träume, Ruhe und zu sich selbst kommen werden als sehr positiv erfahren; „Entschleunigung“ ist das Gebot unserer schnelllebigen Zeit. Eine ganze Palette von Meditations-“methoden“ sprießt aus dem Boden und lässt Schriftenstände überquellen, Manager suchen Ruhe und Entspannung in Klöstern und oft steht Methode gegen Methode: Arbeitsweltmethode gegen Meditationsmethode – dabei wäre es doch so einfach: immer wieder den Tagesablauf bewusst zu unterbrechen, die Gedanken auf Gott auszurichten, sein Leben, seine Existenz Gott hinzuhalten, zu beten, und das heißt nicht immer viele Worte zu machen, sondern sich einfach in der Stille von seinem Geist durchdringen zu lassen.
Übrigens – ein ökumenisches, ja sogar religionsverbindendes Anliegen...
Das Angelusläuten zu verstehen als eine Gebetseinladung, die konfessionelle und religionsgebundene Grenzen übersteigen kann, wäre eine bedenkenswerte Dimension dieses akustischen Signals, das gläubige Menschen ohnehin verbindet, aber auch eine Einladung an alle anderen ist. Es kommt nicht so sehr darauf an welches Gebet gesprochen wird, sondern darauf, dass der Mensch sich auf Gott, seinen Schöpfer, hin ausrichtet, um seinen Geist und seine Hilfe zu erfahren. Versuchen Sie es einmal!
Pfarrer Sigmund F.J. Schänzle
August
Gesegnete Sommertage
Gott segne
dein Herzbaumeln
da wo es gerade hängt
mit und an denen du hängst
Gott segne
deine Pause
in allen Farben und Formen
Gott segne deine Hängematten-Gefühl-
Orte und Menschen.
Für die Schülerinnen und Schüler starten heute die Sommerferien, für viele Familien die Urlaubszeit.
Wir wünschen allen Schülerinnen und Schülern erholsame Sommerferien, allen Urlauberinnen und Urlaubern eine gesegnete Reise und allen, die da sind, ihren Dienst und ihre Arbeit tun Momente des Herzbaumelns, der Pausen und immer wieder mal auch ein Hängemattengefühl.
Gesegnete Sommertage wünscht das Pastoralteam und Mitarbeiter:innen der Seelsorgeeinheit Zwiefalter Alb
Text: DA-ZWISCHEN Community, Rabea Schilling, in: Pfarrbriefservice.de
Bild: Pixabay
Juli
„Wir bleiben in Verbindung!“ –
Ich beende in diesen Tagen eine längere Fortbildung. Über die letzten zwei Jahre sind wir als Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer bunten Truppe zusammengewachsen und haben viel Persönliches und auch Fachliches miteinander geteilt. Jetzt endet diese Zeit und mit einigen möchte ich natürlich unbedingt in Verbindung bleiben. Das dürfte eigentlich keine Schwierigkeit darstellen, oder? Auf verschiedene Art und Weise ist das möglich – ganz schnell oder etwas langsamer. Wir können uns verabreden und uns treffen oder über´s Telefon, über Mails, WhatsApp, soziale Medien oder ganz „Oldschool“ auch mit Briefen und Postkarten miteinander kommunizieren.
Und trotzdem ist es immer wieder auch eine Herausforderung!
Ich will mir Zeit dafür nehmen, weil es mir wichtig ist. Wir wollen auch weiterhin voneinander hören, was uns bewegt. Wo der Schuh drückt. Was Freude macht. Ich bekomme vielleicht eine Idee, einen Impuls für mich und meine aktuelle Situation und vieles andere mehr. Vielleicht kann ich mal weiterhelfen, oder es tut einfach gut, immer wieder voneinander zu hören. Sich zu sehen, in Verbindung zu bleiben. Im Reden verändern sich Dinge, ergeben sich neue Perspektiven, entstehen Handlungsspielräume. Gespräche und Austausch tun einfach immer gut. Jesus sagt in einem bekannten Vers:
„Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wenn jemand in mir bleibt und ich in ihm bleibe, trägt er reiche Frucht; ohne mich könnt ihr nichts tun“. (Johannesevangelium 15,5) Er sagt diesen Satz zu seinen Freunden und Freundinnen, und will ihnen damit Mut machen. Er will sagen: Wir können uns nicht verlieren, wir sind und bleiben miteinander verbunden. Und mehr noch. Die Verbindung mit ihm lassen sogar mein Bemühen und Schaffen noch leichter gelingen.
Im letzten Sommerurlaub waren wir in der Pfalz. Dort wird bekanntlich viel Wein angebaut. Wir konnten uns ein Bild davon machen… Vom hölzernen Weinstock, der in der Erde verwurzelt ist. Von den Reben, die im Frühjahr - noch bevor Blätter daran sprießen - von den Weinbauern im typischen Halbrund gebogen werden. Von den Trauben, die über den Sommer an den Reben, die dann voller Blätter sind, wachsen. Von der Weinlese, bei der die Früchte der Arbeit eines Jahres geerntet werden. Und natürlich von dem guten Tropfen, den es dann nach Keltern, Reifezeit und Abfüllen dort zu genießen gibt.
Jesus wählt gerne Bilder des Alltags. Bilder, die ganz einfach verstanden werden. Sie müssen nicht umständlich erklärt werden. Eine Rebe ohne Weinstock, das geht nicht! Da kann ja nichts wachsen! Das ist unmöglich!
Die Rebe hängt ja sonst einfach in der Luft. Sie braucht die Verbindung zum Weinstock, sonst wird sie nicht versorgt. Trauben und Wein wird es so also nicht geben.
Jesus will den Zuhörenden damals und auch uns heute sagen: Die Verbindung zu mir ist so etwas wie eine Grundlage, eine Basis. Sie versorgt uns mit dem, was wir zum Wachsen brauchen, so kann sich in unserem Leben etwas entwickeln - so können wir uns entwickeln. Damit wir als Christen überhaupt Salz der Erde und Licht für diese Welt sein können. Damit wir Kraft und Hoffnung für unseren Alltag haben, und Gottes Liebe spüren und sie auch weitergeben können.
Vielleicht können wir dann die Grenzen unserer eigenen engen Sicht immer wieder einmal überwinden. Wir entwickeln dabei Weitsicht, nicht nur an uns und unsre eigenen Bedürfnisse zu denken. So vergessen wir die anderen nicht!
Diese Verbindung bleibt lebendig und kraftvoll durch mein Gebet, mein Innehalten. Ein Wort, Seufzer, ein Gedanke, eine Klage, ein Lob und meine Freude über so vieles, was mir geschenkt ist. Da möchte ich auch die Menschen „mit-hineinnehmen“, die mir durch Herz und Sinn gehen. Meine Lieben, und die mir Anvertrauten. Die in Not gekommenen, die Geschundenen und die in Verantwortung für Welt und Gesellschaft stehen. Diejenigen, die mein Gebet brauchen!
Gottesdienste, das können feste Termine für Gebete sein, aber es braucht daneben auch neue Ideen, wo und wie ich mein Gebet verankern kann. Die Glocken unserer Kirche können eine solche Einladung sein. Das tägliche Läuten am Morgen oder am Abend. Vielleicht auch eine ganz andere Zeit, die gut in den Alltag passt. Jeder und jede hat andere Zeitfenster, die sich dafür eignen können.
Mit Jesus in Verbindung bleiben – das klingt anstrengend? Ja und nein!
Ja, es braucht selbstverständlich meinen Willen dazu, und meine Energie, die Verbindung mit Gott aufrecht zu erhalten. Aber ich erlebe auch, wie mich diese Augenblicke und Zeiten des Innehaltens stärken und mutiger machen. Ein neuer Impuls, ein anderer Gedanke, eine Idee – und ich gehe weiter, anders. Oft Gelassener. Und ich kann mich immer wieder vergewissern, dass ich noch immer auf dem Weg bin – belgeitet und gestärkt und noch immer fröhlich. Und ich muss nicht weit gehen. Es ist auch nicht kompliziert.
Nelly Sachs hat einmal gesagt: „Gott ist ein Gebet weit von uns entfernt“.
Das klingt doch gut, oder?
Ich wünsche Ihnen und Euch gute Verbindungen! Ihre Patricia Engling (Gemeindereferentin)
Juni
Die Menschen hatten damals noch alle dieselbe Sprache und gebrauchten dieselben Wörter.
Als sie nun von Osten aufbrachen, kamen sie in eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an.
Sie sagten zueinander: »Ans Werk! Wir machen Ziegel aus Lehm und brennen sie!« Sie wollten die Ziegel als Bausteine verwenden und Asphalt als Mörtel.
4 Sie sagten: »Ans Werk! Wir bauen uns eine Stadt mit einem Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann wird unser Name in aller Welt berühmt. Dieses Bauwerk wird uns zusammenhalten, sodass wir nicht über die ganze Erde zerstreut werden.«
Da kam der HERR vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die sie bauten.
Als er alles gesehen hatte, sagte er: »Wohin wird das noch führen? Sie sind ein einziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. […]«
Und dann sagte er: »Ans Werk! Wir steigen hinab und verwirren ihre Sprache, damit niemand mehr den anderen versteht!«
8 So zerstreute der HERR sie über die ganze Erde und sie konnten die Stadt nicht weiterbauen.
9 Darum heißt diese Stadt Babylon – Verwirrung denn dort hat der HERR die Sprache der Menschen verwirrt und von dort aus die Menschheit über die ganze Erde zerstreut.
Gen 11,1-9
Turmbau zu Babel
Der Turmbau zu Babel, ein Sinnbild für Überheblichkeit, Selbstüberschätzung und Arroganz – etwas, das Ende nur schiefgehen kann.
In Gen 11,1-9 wird von einer Menschheit erzählt, die ein einziges Volk ist, eine gemeinsame Sprache spricht und große Pläne realisieren will: Mit Energie und Phantasie wollen sie einen gewaltigen Turm bauen, der bis zum Himmel geht – ein Bild für ihr Bemühen, es Gott gleich zu tun.
Sie wollen hoch hinaus, immer besser, immer weiter.
Sie wollten sich ein Denkmal setzen und sich unvergesslich machen. Ob es ihn wirklich gegeben hat, diesen Turm, ist umstritten – spielt aber meines Erachtens auch keine Rolle, wenn wir nach dem Sinn dieser Erzählung fragen.
Im biblischen Kontext findet sich die Erzählung vom Turmbau zu Babel gleich nach der Sintfluterzählung. Noah wurde mit seiner Familie und den auf der Arche mitgenommen Tieren gerettet. Sie breiten sich aus in den damals bekannten Teilen der Erde und nun kommt die Angst, dass ihnen diese neue Vielfalt gefährlich werden kann: Ihre Reaktion darauf ist der Turmbau. Sie bauen einen Turm, bauen Mauern, wollen alle in einer Sprache sprechen, Uniformität und Einheit.
„Dieses Bauwerk wird uns zusammenhalten, sodass wir nicht über die ganze Erde zerstreut werden.“
Alle Hoffnung auf eine einheitliche und uniforme Zukunft legen sie in ihren Turm, in ihre neue Stadt.
Nun, eigentlich nichts Verwerfliches, oder?
Gemeinsam auf etwas stolz sein können – das eint die Menschen, vereint Vereine, Mannschaften und Fans, vereint Kirchengemeinden und Betriebe. Das ist gut, wichtig und richtig.
Doch es gibt eine Grenze – so auch in der Geschichte vom Turmbau zu Babel, die wir vorhin gehört haben. Nämlich dort, wo Motivation und Ansporn zu Größenwahn werden und Größenwahn – so der Autor der biblischen Geschichte – beginnt da, wo man sich an die Stelle Gottes setzen will.
Fast schon humorvoll reagiert Gott auf diesen Wahn: Einen riesigen Turm wollen sie bauen, bis in den Himmel und Gott sagt: „Ihr denkt, ihr habt mich schon erreicht? – Da komm ich erstmal runter!“.
Gott zerstört diesen Turm, zerstört die Idee von Einheit und Uniformität.
Was für ein Skandal:
Die Menschen der Urgeschichte, die alles richtigmachen wollen, eins und gleich werden wollen, werden in ihrem Ansporn, ihrer Motivation und ja, vielleicht auch in ihrem Größenwahn jäh unterbrochen. Dabei ist ihr Wunsch, ihre Sehnsucht dahinter doch so gut nachzuvollziehen:
- Wenn alles einheitlich wäre, gäbe es keinen Streit.
- Wenn wir alle gleich wären, gäbe es keine Diskussion.
- Wenn alles uniform wäre, müsste man nichts entscheiden – alles wäre klar!
Wenn es doch so einfach wäre. Damals, wie auch heute.
Überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen, wo Gemeinschaft gelebt wird – ob im Verein, in der Kirchengemeinde, in der Gemeinde, in Schule und Arbeitsleben, gibt es doch genau das:
- Die Sehnsucht nach weniger Diskussion und Streit
- Die Hoffnung auf Einigkeit
Ist das nicht so?
Ich hoffe und denke, dass viele von Ihnen spätestens jetzt an dem Gedanken angekommen sind und sich fragen, ob das überhaupt realistisch ist. Ist es nicht und es ist auch gut so!
- Es ist gut, dass es die Diskussion, manchmal auch den Streit gibt, denn – solange es um die Sache geht – steckt dahinter ein ehrliches Ringen um die beste Lösung, den besten Weg.
- Es ist gut, dass es Menschen gibt, die unterschiedliche Sprachen sprechen, denn nicht jede und jeder versteht jede Sprache. Manchmal braucht es klare Worte, manchmal aber auch eine hohe Sensibilität in dem, was man wann und wie sagt.
In der Geschichte vom Turmbau zu Babel wird der großen Einheit, der Uniformität – ja ich würde auch sagen der Totalität – von Gott ein Ende gesetzt. So hat er seine Erde, seine Menschen nicht gewollt und nicht geplant. Es soll uns so geben wie wir sind, jede und jeder mit seinen eigenen Talenten, mit seinen Fähigkeiten und auch seinen und ihren Unfähigkeiten. Denn nur so können wir uns ergänzen und können miteinander vieles schaffen.
Was wäre eine Fußballmannschaft, die nur aus Torwärterinnen oder Torwärtern besteht?
Dort, wo Menschen gemeinsam unterwegs sind, kann so vieles gelingen. Nicht indem wir Uniformität und Totalität fördern, sondern indem Vielfalt, Dialog und auch Kompromissbereitschaft in den Mittelpunkt gestellt wird.
Am kommenden Wochenende feiern wir Pfingsten und genau das ist es auch, was uns viele Jahrhunderte später auch die Botschaft des Pfingstwunders sagen möchte:
- Wenn es uns gelingt, trotz der Vielfalt von Menschen, Sprachen und Ideen uns gegenseitig zu verstehen, miteinander zu reden und zu ringen – das ist Pfingsten.
- Wenn es uns gelingt, trotz unterschiedlicher Traditionen in Kirche und Gesellschaft zusammenzustehen und gemeinsam an einen Tisch zu sitzen – das ist Pfingsten.
- Wenn es uns gelingt, trotz unterschiedlicher Herangehensweisen und Meinungen im Vereinsleben uns gegenseitig zu stützen und zu schützen – das ist Pfingsten.
- Wenn es uns gelingt, auch gegensätzliche Meinungen zu sehen und zu hören, und gemeinsam um einen Kompromiss ringen – das ist Pfingsten.
Denn Pfingsten ist überall dort, wo wir versuchen einander zu verstehen. Wo wir sehen, dass es Menschen gibt, die eine andere Sprache sprechen, die anders denken als ich und trotzdem daran glauben, dass es die Gemeinschaft ist, die vieles ermöglicht.
Pastoralreferentin Maria Grüner
Mai
„Erblühen“
Der Mai ist ein Monat des Erblühens. Während die Natur um uns herum in voller Pracht erblüht, können wir auch in unserem Inneren die Einladung spüren, neu zu wachsen und zu gedeihen. Die Tage werden länger, das Licht wird intensiver und die Farben der Pflanzen erinnern uns daran, dass das Leben voller Möglichkeiten ist.
Erblühen bedeutet, das eigene Potenzial zu entfalten und das zu leben, was in uns angelegt ist. Es ist die Zeit, in der Träume und Visionen Gestalt annehmen können, wenn wir bereit sind, den ersten Schritt zu wagen. Wie die Blumen, die sich der Sonne entgegen strecken, so dürfen auch wir uns dem Licht des Glaubens und der Liebe öffnen.
In dieser Zeit des Erblühens sind wir eingeladen, unsere Beziehungen zu pflegen und neue Verbindungen zu knüpfen. Vielleicht gibt es Menschen in unserem Leben, die wir vernachlässigt haben oder Freundschaften, die auf einen Neuanfang warten. Mai ist der perfekte Monat, um diese Bande zu stärken und in Gemeinschaft zu wachsen.
Lasst uns auch darauf achten, wie wir selbst erblühen können. Gibt es Hobbys oder Leidenschaften, die wir neu entdecken möchten? Gibt es Talente oder Fähigkeiten, die wir besser nutzen wollen? In der Ruhe und der Freude des Frühlings dürfen wir uns inspirieren lassen, nach innen zu schauen und das Beste in uns zum Vorschein zu bringen.
Möge der Mai ein Monat des Erblühens für uns alle sein. Lassen wir uns von der Schönheit der Natur anstecken und ermutigen, unsere eigene Blütezeit zu erleben. Wenn wir uns im Glauben, in der Gemeinschaft und in unserem persönlichen Wachstum entfalten, können wir das Licht, das in uns brennt, umso heller strahlen lassen.
Pater Evodius Miku
April
„Osterlächeln“
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich lese die Tageszeitung immer von hinten nach vorne, also vom Ende her. In der Regel führt das dann dazu, dass ich gleich zu Beginn meiner Lektüre auf die Todesanzeigen stoße.
Diese Todesanzeigen sind normalerweise zusätzlich zu den sachlichen Angaben über die verstorbene Person immer auch garniert mit mehr oder weniger frommen oder religiösen Trauersprüchen. Sehr häufig liest man da von dem Platz, den die verstorbene Person in der Mitte oder in den Herzen der Lebenden behalten möchte, über den eigenen Tod hinaus, oder oft auch von dem Lächeln als dem schönsten Geschenk, das man bei seinen Lieben hinterlassen möchte. Immer wieder klingt da die Hoffnung an, dass man doch irgendwie noch weiterleben möchte nach dem Tod. Damit der Tod dann doch nicht so ganz das Ende bedeutet und es doch noch irgendwie weitergeht. Denn ganz ehrlich, wer möchte denn schon so ganz endgültig gehen?
Und tatsächlich: immer wieder spüre ich, wenn ich an verstorbene Menschen denke, dass sie auch lange über ihren Tod hinaus immer noch einen festen Platz bei mir haben und manchmal habe ich dann auch ein Lächeln im Gesicht, wenn ich mich an bestimmte Ereignisse oder Situationen mit ihnen zurückerinnere.
Verglichen mit den Todesanzeigen in den heutigen Zeitungen war die Anschlagtafel damals am Kreuz Jesu deutlich nüchterner verfasst. Da stand nur: „INRI“ - also quasi Name und Stellung oder Funktion. Jesus der Nazoräer, König der Juden. Besonders gehaltvoll und schmeichelhaft war dieser Text nicht, der da am Kreuz angebracht wurde als eine Art Todesanzeige von damals. Doch auch Jesus hat uns schon zu seinen Lebzeiten eigene Botschaften mitgegeben, die Aussagen enthalten über die Zeit nach seinem Tod: „Tut dies, so oft ihr es tut, zu meinem Gedächtnis“. Oder auch: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“. Oder das berühmte: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende dieser Welt“. Jesus spricht in diesen Aussagen von seiner bleibenden Gegenwart über seinen irdischen Tod hinaus.
Wir Christen feiern an Ostern einen neuen Anfang nach dem vermeintlichen Ende. Wir vertrauen darauf, dass das Leben eben gerade nicht mit dem Tod endet, sondern wir freuen uns auf ein Leben nach dem Tod, auf ein Leben in Fülle. Diese Hoffnung ist also in den vielen Todesanzeigen offenbar auch gar nicht anders, egal ob die Verstorbenen religiös waren oder nicht. Offensichtlich teilen auch nichtreligiöse Menschen diese Hoffnung auf ein irgendwie geartetes Leben nach dem Tod.
Jesus ist uns mit seinem Tod vorausgegangen. Wie bitter muss das damals für die Jünger gewesen sein, als sie plötzlich mit dieser Situation konfrontiert waren? Alles, was ihnen wichtig war und woran sie geglaubt haben, war plötzlich dahin. Das, wofür sie ihr altes Leben aufgegeben hatten, war mit dem Tod am Kreuz zerstört.
Die Jünger haben damals noch nicht begriffen, was da genau vorgefallen ist - und uns wäre es nicht anders ergangen. Jesu Tun und Wirken war für sie ja oftmals nicht verständlich, seine Botschaften für sie oft nicht klar.
Vielleicht tut sich hier ja eine Parallele auf zu der Eingangs erwähnten Zeitungslektüre, denn auch das Leben Jesu muss man vom Ende her betrachten und lesen um vieles verstehen zu können, was vorher unklar war. Erst vom Ende her betrachtet erschließt sich vieles, was Jesu zu Lebzeiten getan und an Botschaften formuliert hat. Erst von seinem Ende her, das durch seine Auferstehung zu einem Neuanfang wurde, zeigt Jesu Leben und Wirken seinen ganzen Sinn.
Wenn wir jetzt in den verbleibenden Tagen dieser vorösterlichen Bußzeit auf Ostern zugehen, könnte uns dabei vielleicht ein Gedanke begleiten: Wie ist das denn bei uns selbst mit Jesus? Hat er bei uns wirklich einen Platz in unserer Mitte oder in unseren Herzen? Hinterlässt er tatsächlich ein Lächeln in unseren Gesichtern, wenn wir an ihn denken?
Als Maria Magdalena und die anderen Frauen frühmorgens in ihrer Trauer zum Grab kamen und die Botschaft erhielten, er sei von den Toten auferstanden und als die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus ihm begegneten und ihn erkannten, als er das Brot brach, da stelle ich mir vor, wie sehr sich ihre Trauer und Ihre Niedergeschlagenheit schlagartig in eine riesengroße Freude und Erleichterung verwandelt haben müssen, ein Glücksgefühl so groß, dass ihnen das Herz brannte. Ohne Verzögerung machen sie sich allesamt sofort zurück auf den Heimweg zu den anderen, um diese frohe Botschaft zu verkünden und in alle Welt zu tragen. Sie werden dabei nicht nur ein beseeltes Lächeln in ihren Gesichtern gehabt haben, sondern sie werden von innen heraus gestrahlt haben vor lauter Glück, Freude und Erleichterung. Denn ab jetzt ist klar: Jesus hat den Tod besiegt. Jesus lebt!
Dass sich ein solches „Osterlächeln“ auch in unseren Gesichtern einstellen kann, wünsche ich uns an diesem kommenden Osterfest. Vielleicht können wir es ja sogar zu einem neuen Osterbrauch einüben, jenseits von Schokoladenhasen und Ostereiern.
Hubertus Ilg, Pastoraler Mitarbeiter SE Zwiefalter Alb
















